| In diesem kleinen Führer
stellen wir Ihnen unser Hermann Hesse-Museum vor, das die weltweit größte Ausstellung
über diesen Dichter beherbergt (seit Mai 1990). Hermann
Hesse ist Sohn unserer Stadt. Er wurde am 2.7.1877 gegenüber dem Rathaus geboren und er
lebte den größten Teil seiner Jugend in Calw.
In neun Räumen wird das Leben, das Werk und die Wirkung des
Nobelpreisträgers (1946) Hermann Hesse gezeigt. Auf einem kleinen Rundgang begleiten wir
Sie durch das Museum und stellen Ihnen die Themen der einzelnen Räume vor.
1. Die Großeltern mütterlicherseits, Dr. Hermann Gundert und Julie
Dubois, waren lange Zeit in Indien als Missionare der Basler Mission tätig. Dr. Hermann
Gundert ist bis heute als großer Sprachwissenschaftler berühmt. Die Großeltern
väterlicherseits, Dr. Hermann Hesse und seine Frau Jenny lebten in Weißenstein/Estland
und waren ebenso stark religiös engagiert. Die Eltern von Hermann Hesse, Johannes Hesse
und Marie Gundert, verwitwete Isenberg, sahen den Sinn des Lebens gleichfalls in der
Missionstätigkeit und auf religiös-schriftstellerischem Gebiet.
2. Diese Personen und einzelne Ihrer Bücher sowie die Verbreitung und
Veröffentlichung des Calwer Verlags, deren Leiter Dr. Gundert und Johannes Hesse waren,
werden im ersten Raum gezeigt. Die zahlreichen Publikationen und Übersetzungen der Werke
Hermann Hesses (weltweit sind es mehr als 90 Millionen Exemplare) sind im zweiten Raum
ausgestellt. Wir erinnern, daß Hesse vor allem auch durch seine Briefe (über 35 000)
Berühmtheit erlangte, sowie die Herausgabe der Werke anderer Schriftsteller. Sein
Schreibzeug mit der Aufschrift "Was man schreibt, das immer bleibt" beansprucht
eine eigene Vitrine.
Vor allem in den USA und Japan gewann Hermann Hesse in den 60er Jahren unseres Jahrhundert
wieder verstärkt an Bedeutung. Stellvertretend steht dafür das Plakat von Andy Warhol,
dem Propheten der Flower-Power- und Hippie-Bewegung. Die über 50 Romane und Erzählungen
Hesses, seine über 600 Gedichte sind in nahezu alle Sprachen der Welt übersetzt.
3. Der wohl schönste Raum des Museums ist der Kindheit und Jugend
Hesses in Calw gewidmet: seine Schulezeit in der Lateinschule, der Aufenthalt in der
Klosterschule Maulbronn und schließlich - durch die Not der Pubertät bedingt - seine
Zeit in der Heilanstalt Stetten im Remstal, als Mechanikerlehrling bei der Firma Perrot in
Calw bis hin zu seiner Ausbildung als Antiquariatsgehilfe in Tübingen (Buchhandlung
Heckenhauer) , So wird in diesem Raum anschaulich, was Calw für Hermann Hesse bedeutet
hat: "... die schönste Stadt von allen aber, die ich kenne, ist Calw an der Nagold,
ein kleines, altes, schwäbisches Schwarzwaldstädtchen." Calw ist für Ihn das
"Urbild aller Menschenheimat und Menschengeschicke".
4. Durch zielstrebige Umwege: Tübingen - Basel - Italien kommt es zur
erfolgreichen Publikation seines ersten Romans "Peter Camenzind". Hesse kann nun
als freier Schriftsteller leben. Hesse zieht mit seiner Frau Mia Bernouilli (1869 - 1963)
- einer Berufsfotografin - an den Bodensee nach Gaienhofen (1904). Dort werden auch seine
drei Söhne geboren (Bruno 1905, Heiner 1909, Martin 1911).
Hesse ist Mitherausgeber der Zeitschrift März und Mitarbeiter beim Simplicissimus.
Aus "lauter innerer Not" tritt er eine indische Reise an (1911), von der er
enttäuscht, unzufrieden und krank zurückkommt.
5. Eine entscheidende Wende kommt mit dem Beginn des ersten
Weltkriegs. Hesse war nach Bern gezogen, in das Haus seines Freunde Welti. 1914 meldete er
sich als Kriegsfreiwilliger, wird aber wegen hochgradiger Kurzsichtigkeit nicht
angenommen. Das tiefe Bedürfnis zu helfen, führt Hesse zur Kriegsgefangenenseelsorge in
Bern. Nicht nur dem Leib soll geholfen werden - auch dem Geist, so sind die Publikationen
für die deutschen Kriegsgefangenen in Frankreich zu verstehen. Gezeigt wird der leidvolle
Weg vom Verbot seiner Zeitungsartikel über den Krieg, seiner Reaktion darauf mit dem
Pseudonym "Emil Sinclair", der Publikationsgeschichte des "Demian" bis
hin zum Tod seines Vaters (1916) und den persönlichen Schwierigkeiten, die Hermann Hesse
veranlassen, sich für eine Psychoanalyse zu entscheiden.
6. Ganz dem Tessin ist der nächste Raum gewidmet, dem Ort Montagola,
der geliebten Aquarellmalerei, seiner ausgleichenden und mystifizierenden Arbeit im Garten
sowie der Entstehungsgeschichte des "Siddhartha". "Hier (im Tessin) war das
Leben möglicher" ... "wie schön ist es Grenzen zu überschreiten". Der
Neubeginn im Süden war vollzogen und so leitet dieser Raum über zu den anschließenden
und abschließenden 35 Jahren von Hermann Hesses Leben.
7. Diese Jahre sind geprägt durch seine zweite Ehe mit Ruth Wenger
und der schließlich dritten Ehe mit Ninon Dolbin geb, Ausländer. Gezeigt wird der Weg
des Dichters in einer Entwicklung vom "Steppenwolf" zum "Magister
ludi" des Glasperlenspiels. Hesse fordert insgeheim auf, Zeitkritik durch
Selbstkritik zu üben. Der von ihm propagierte "Weg von innen" führt über das
magische Theater und die alternativen Utopien der Morgenlandfahrer bis hin zum
Glasperlenspiel.
Im Nationalsozialismus Deutschlands wird Hesse angegriffen und verleumdet, doch
richtungsweisend bleibt das Typoscript von 1933: "Lieber von den Faschisten
erschlagen werden, als selbst Faschist sein; lieber von den Kommunisten erschlagen werden,
als selbst Kommunist sein." Vor allem auch seine Literaturkritik, die er in Schweden
veröffentlicht, ist bezeichnend für seine Haltung, da er keinen Unterschied kennt
zwischen Vertriebenen und Gebliebenen, zwischen Juden und Christen.
Durch den ersten bundesrepublikanischen Präsidenten Dr. Theodor Heuss wird Hesse in
Deutschland wieder zu einem anerkannten Schriftsteller und Lyriker das abschließende
Großfoto im Türrahmen zeigt die aufrecht, auf sein Leben und Werk zurückblickende
Gestalt Hermann Hesses, der am 9. August 1962 in seinem Haus in Montagnola stirbt und auf
dem Friedhof von San Abbondio beerdigt wird.
8. Im Foyer des Hermann Hesse-Museums werden abwechselnde
Sonderausstellungen zu verschiedenen Themenschwerpunkten aus dem Werk Hermann Hesses
gezeigt, dem populärsten und in aller Welt meist gelesenen deutschsprachigen
Schriftsteller unseres Jahrhunderts.
9. Ein weiterer Raum ist als Leseraum gedacht, um
Möglichkeiten zu bieten, sich mit dem Werk Hermann Hesses bekannt zu machen oder auch
sich weiter hinein zu vertiefen.
Wir hoffen, Ihnen mit diesem kleinen Rundgang
den großen Sohn unserer Stadt und das Museum ansprechend vorgestellt
zu haben und wünschen Ihnen viel Freude an den Bildern und
den ausgestellten Exponaten.
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